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Als meine Mutter Flüchtling war und beinahe starb

Es war am Ende des Zweiten Weltkrieges, den die Deutschen verursacht hatten und der sie nun zu Flüchtlingen machte. Man gönnte es dem Volk kollektiv, dass es nun bluten sollte für das, was es durch seine Führung angerichtet hatte. Einerseits verständlich. Oder zumindest psychologisch nachvollziehbar.

Aus der Nähe von Königsberg brachen sie auf, die Flucht aus Ostpreußen, auf einem Bollerwagen, so, wie man es immer mal wieder im Fernsehen sieht. Meine Oma, die ich nie kennengelernt habe, trug meine Mutter, einen Säugling, unter ihrem Mantel. Ein wenig Schutz vor der Kälte. Dann kam diese eine Woche, in der es nichts zu essen gab. Nichts, nichts, gar nichts. Meine Oma tröstete sich in ihrer Verzweiflung damit, dass der Säugling unter ihrem Mantel nicht viel davon mitbekommen und einfach einschlafen würde, in den ewigen Schlaf. Wasser gab es diese Woche, hergestellt aus geschmolzenem Schnee. Meine Mutter wog fast nichts mehr, ein Säugling, ein Stückchen Leben, dem Tode geweiht.

Irgendwie, man weiß gar nicht wie, überlebte sie diese Woche. Doch in der Folge kam wieder eine ähnliche Woche, diesmal allerdings mit etwas mehr Essen. Ein Bauer, selber reich, hatte sich dazu überwunden, meiner Oma eine Möhre zu geben. Eine. Möhre. Diese eine Möhre schnitt meine Oma täglich in ein, zwei, drei kleine Stücke und streckte sie so über eine ganze Woche hinweg, kochte die Stückchen notdürftig über einem Feuer und gab sie dem Säugling unter ihrem Mantel zum trinken. Meine Mutter überlebte. Wie durch ein Wunder.

Beim Bauern. Die Familie meiner Mutter wurde bei einer reichen Bauersfamilie in Norddeutschland aufgenommen. Doch der Reichtum des Bauern galt nicht für die Flüchtlinge. Es gab keine Milch für den Säugling, der Bauer hatte genug davon, gab aber nichts ab. Meine Oma lief stundenlang zu einer Familie, die selber sehr arm war und 5 Kinder besaß. Dort konnte sie Milch und Eier kaufen. Dann lief sie stundenlang wieder nach Hause zurück.

Mit dieser Vergangenheit, die mir kürzlich noch einmal erzählt wurde und nun ins Gedächtnis rückte, blicke ich auf die Flüchtlingsdebatte noch einmal anders als zuvor. Wenn saturierte Deutsche in ihren dicken Sesseln vor dem Fernseher über Flüchtlinge schimpfen, wird mir übel. Wenn sie montags auf die Straßen gehen und diejenigen, die nichts mehr haben und teilweise Krankheiten und sogar dem Tod ausgesetzt sind, nichts gönnen, muss ich würgen. Es gibt offensichtlich Deutsche, die nichts gelernt haben und in ihrem Hass und ihrer Menschenverachtung grenzenlos geblieben sind. Und selbst, wenn der eine oder andere dieser Deutschen nur Hartz IV hat, hat er doch so viel mehr, als die meisten Flüchtlinge.

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