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These: Wie Europas Gottlosigkeit die Fremdenfeindlichkeit anheizt

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In Deutschland sind es Parteien wie die AFD, Gruppierungen wie Pegida, in Frankreich ist es der Front National, auch in Ungarn und Polen ist man massiv gegen alles, was man als nicht inländisch ansieht. Woher kommt diese Ablehnung und der Hass gegenüber anderen Menschen?

An das Thema kann man ganz unterschiedlich herangehen, psychologisch beispielsweise, die Menschen fühlten sich verunsichert, hätten innerlich keine Heimat und seien somit kritisch bis feindlich gegen alles, was ihnen nicht vertraut ist.
Die wirtschaftliche Erklärungsvariante lautet, viele Menschen hätten Angst davor, von Flüchtlingen übervorteilt zu werden und selbst zu kurz zu kommen.
Diese Erklärungsversuche dürfen natürlich weiterhin Bestand haben.


Aus theologischer Sicht sei aber mal eine (möglicherweise steile) These aufgestellt. Sie lautet:
Europa driftet immer mehr nach rechts und wird immer fremdenfeindlicher, weil die Menschen immer ungläubiger werden.

Wie bitte? Nein, Sie haben sich nicht verhört! Weil die Menschen sich von Gott immer mehr abwenden, entsteht immer mehr Hass, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Islamphobie und ähnliches.

Wie?, werden sie jetzt wahrscheinlich fragen. Sind es nicht viele Moslems derzeit, die durch Terrorismusattacken auf sich aufmerksam machen? Hat nicht schon der fundamentalistische Atheistenprediger Richard Dawkins immer wieder darauf hingewiesen, dass Religionen nur Schlechtes hervor brächten? Gibt es nicht auch die radikalen jüdischen Siedler, die in fremdem Land ihre Häuser aufschlagen, um zu bleiben? Gibt es nicht George Bush, der mit christlicher Rhetorik eine Achse des Bösen konstruierte und gegen alles Nichtchristliche militärisch vorging?
Ja, da haben sie ja brav die Zeitung gelesen. All das Schlechte gibt es natürlich. Haben Sie schon mal von Hans Küngs Projekt Weltethos gehört? Nein? Dann wird es ja höchste Zeit. Der Theologe versucht nämlich, heraus zu arbeiten, dass zumindest den drei abrahamitischen Religionen, also dem Judentum, dem Christentum und dem Islam, ethische Grundsätze zu eigen sind, die Gläubige allein durch ihre enge Bindung an Gott auch mit diesen ethischen Grundsätzen verbinden. Will heißen, wer gläubig ist, tötet nicht. Wer gläubig ist, stiehlt nicht. Wer gläubig ist, bricht nicht die Ehe. Und so weiter.

Wer also ein gläubiger Jude, Christ oder Moslem ist, ist eng an Gott und seine Gebote gebunden. Ihn leiten in der Regel hohe bis höchste ethische Grundsätze, die natürlich auch auf das Anderssein anderer Menschen angewandt werden. Im Evangelium beispielsweise wird von der Flucht von Maria und Josef und dem Säugling Jesus nach Ägypten berichtet, um dem Kindsmord des Herodes zu entgehen. Jesus war ein Flüchtling, bereits als Säugling.
Den drei abrahamitischen Religionen ist zu eigen, dass sie in jedem Menschen ein Geschöpf Gottes sehen, das es unbedingt zu respektieren gilt. Gläubige Menschen haben derartige ethische Grundsätze stark verinnerlicht, da diese mit ihrer Bindung an Gott einhergehen. Gläubige befolgen diese ethischen Regeln in der Regel nicht, weil sie es müssten, sondern weil sie es wollen. Sie fühlen sich verantwortlich dem höchsten Schöpfer des Universums gegenüber, dem sie einst Rechenschaft geben müssen.

Wenn nun Gruppierungen beispielsweise in Deutschland skandierend fordern, das sogenannte christliche Abendland müsse christlich bleiben, outen Sie sich damit als zutiefst unchristlich. Vermutlich wissen sie nicht einmal, warum die von ihnen angeführte Gruppierung sich Christen nennt. Geht sie doch zurück auf Jesus, der, selbst ein Jude, auch als der Christus bezeichnet wurde und mit dem eine neue Zeit anbrach. Eine Zeit, in der Gott auf besondere Weise in dieser Welt stärker erfahrbar werden kann.

Wer gegen Ausländer polemisiert, gegen Andersdenkende, gegen Arme, Schwache und Ausgegrenzte, ist ganz offensichtlich kein gläubiger Mensch. Er hat sich selbst zum Maß aller Dinge gemacht, aufgeschwungen, sich gedanklich einen eigenen Turm von Babel zu errichten, auf dessen Spitze er sich stellt, um aller Welt zu sagen, ich bin das Maß aller Dinge. Gott ist es nicht.

Und wenn der Mensch so handelt, findet man Beispiele in der Geschichte, um zu sehen, was daraus entstehen kann. Adolf Hitler beispielsweise verklärte sich selbst religiös und stilisierte sich zu einer Art Gott, der darüber bestimmen könne, was Recht und was Unrecht sei. Durch derlei menschliche Versuche, die eigene Meinung als die einzig richtige zu begründen, wird letztlich nur deutlich, dass jeglicher Gottesbezug aufgegeben wurde. Der Mensch möchte sagen, was gut sei. Damit leitete schon Adolf ein ganzes Volk in die Irre, ein Volk, dass sich gerne von seinem goldenen Kalb, das es selbst erwählt und erschaffen hatte, leiten lassen wollte. Das Resultat waren 60 bis 70 Millionen Tote des 2. Weltkrieges.

Europa ginge es besser, wenn es einen stärkeren Gottesbezug hätte. Denn dann hätten es viele extreme Ideologien und politische Führer wesentlich schwerer, sich an die Stelle Gottes zu setzen.

Religion, richtig verstanden und aufgeklärt, führt zu ethischem Handeln und zu Toleranz. Europa ist zu unreligiös und das könnte ihm zum Verhängnis werden.

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6 Kommentare zu “These: Wie Europas Gottlosigkeit die Fremdenfeindlichkeit anheizt

  1. dierkschaefer
    9. Oktober 2016

    Das ist doch etwas zu herzig. Die „Gottlosigkeit“ ist nur scheinbar jüngeren Datums, wenn sie denn für Greuel verantwortlich sein soll. Bis zur französischen Revolution, in den Ländern der Restauration noch länger, waren Machtverhältnisse „von Gottes Gnaden“ einschließlich Christentum und seiner Kirchen unangefochten in Geltung, was das viel gepriesene Abendland nicht davon abhielt, einen Krieg nach dem anderen zu führen, einschließlich „Schwedentrunk“, Massakrierungen, Vergewaltigungen, Judenprogomen, Scheiterhaufen etc.

  2. theolounge
    9. Oktober 2016

    Ja, schon klar. Diese Art von Religion beziehungsweise Glaube wurde hier aber nicht gemeint. Ich dachte, das wäre klar geworden. Machtansprüche durch den Glauben zu kaschieren gab es natürlich schon immer.

  3. dierkschaefer
    10. Oktober 2016

    Nein, das ist mir zu oberflächlich. Es geht darum, dass viele Generationen christlich erzogen wurden und dennoch nicht gefeit waren vor übelsten Menschenrechsverletzungen.
    Das gilt ganz nebenbei auch für Märchen, die angeblich einen läuternden Einfluss auf Kinder haben. Die Nazi-Generation ist mit Märchen aufgewachsen.
    Harm de Blij fasst das Problem plausibler: »Diese Anführer [gemeint sind radikale Islamisten ds] übertragen höchst unflexible und rückwärtsgewandte Eigenschaften ihres Glaubens in ein Europa, das immer noch die Narben aus Glaubenskriegen von vor einem halben Jahrtausend trägt. Das ist ein Kampf grundsätzlicher Gegensätze in einer Gegend, deren Bevölkerungszahlen schrumpfen, und viele durch Überlegungen den Glauben an den Glauben verloren haben – und nun werden sie mit der Vitalität, demographisch wie religiös, eines unendlichen Stroms von Einwanderern mit einem unerschütterlichen Glauben an den Glauben konfrontiert. Wer, wie Atlantic Monthly 2005, die Frage nach einem “Islamischen Europa” stellt, übertreibt nicht (Savage, 2004). Europas wirtschaftliche, politische und soziale Zukunft ist mittlerweile unauflösbar verknüpft mit der Vergangenheit von Süd-West Asien.« aus: Harm de Blij, The Power of Place, Oxford University Press, Oxford, New York 2009, Übersetzung Dierk Schäfer.
    Demnach wäre es nicht die Gottlosigkeit Europas, sondern die Hilflosigkeit vor zuviel Gottesbezogenheit.

  4. theolounge
    11. Oktober 2016

    Es gibt natürlich auch immer fundamentalistische Auslegungen. Die meine ich aber nicht, weiß jedoch, dass es sie gibt. Auch die Kirchen in Deutschland haben nicht den Widerstand gegen Hitler geleistet, den man gerne gehabt hätte. Dennoch gab es Menschen, Christen, die aufgrund ihres Glaubens nicht der Hitlerpropaganda auf den Leim gingen, z.B. Dietrich Bonoeffer, Karl Barth u. a. (Barmer theologische Erklärung). Bei letzterer war es so, dass die evangelische Kirche an das landesherrliche Regiment gewohnt war, also daran, dass der höchste Landesvertreter auch der höchste Kirchenvertreter war. Diese Tradition machte es einem Hitler natürlich ungleich leichter, als es heute wäre. Und hier ist es somit sicher zu einem großen Teil die Tradition und nicht der christliche Glaube, der einen Hitler begünstigte.
    Und zu dem Zitat über fundamentalistische Islamisten: ich meine in meinem Text keine Fundamantalisten, habe ich ja auch geschrieben.

  5. songfritz
    21. November 2016

    Wenn Christen tatsächlich immuner gegen Ideologien wäre als Atheisten oder Agnostiker, wäre die These nachvollziehbar. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das wirklich der Fall ist. Vielleicht begünstigt eine Erziehung zum „Gehorsam im Glauben“ auch die Verführbarkeit orientierungssuchender Christen durch populistische Propheten – warum denke ich jetzt grade an Donald Trump? Die USA gelten doch gemeinhin als „religiöses“ Land!

  6. theolounge
    22. November 2016

    Wie bei allen Menschen gibt es ja auch bei Christen solche und solche….

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 8. Oktober 2016 von in neu und getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , .

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